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Die Secondhand-Wende: "Re-using" im Trend
Der Bedarf an günstigen Waren aus zweiter Hand steigt. Ebenso die Umsätze von Reparaturnetzwerken und Trödlerläden. Zuwächse zwischen 15 und 20 Prozent pro Jahr - davon träumen andere Branchen nur.
Eine dünne Schicht aus Schnee bedeckt windschiefe Türme aus Sperrholz und Alteisen in einem Hinterhof. Dazwischen bahnt sich Richard O. seinen Weg ins Innere einer zügigen Halle. Zusammen mit fünf anderen in dicke Jacken gehüllten Möbelpackern entlädt er einen Kleinlaster, der mit dem etwas abgenutzten Inventar einer entrümpelten Wohnung befüllt ist.
Die Männer gehören zu einer 180 Mitarbeiter starken Truppe. Sie sind stundenweise in dem Arge Trödlerladen beschäftigt, die vor allem anderen ein Arbeitsmarktintegrationsprojekt ist. Auch Richard O. hat einen Großteil seiner Wohnungseinrichtung aus dem Fundus des Trödlerladens gekauft. Er ist auf das Secondhand-Angebot angewiesen: auf die günstigen Regale, Bett, Tisch, Waschmaschine, Küche - nur eines wollte er nicht aus zweiter Hand: „Den Fernseher hab' ich mir neu gekauft." Die alten Röhrenfernseher vom Trödlerladen, die seien nichts für ihn, meint er.

Wohnungseinrichtung um 200 Euro. Der Großteil der Kunden, die im Lager des Trödlerladens stöbern, kauft aus einer Notsituation. Die Möbel, die Elektrogeräte und der Müll aus hundert aufgelassenen oder zwangsdelogierten Wohnungen, die jährlich im Hinterhof landen, werden im Inneren des weit verzweigten Lager- und Werkstättensystems sortiert und repariert. Tischler und Elektriker flicken Brauchbares zusammen. Aus den Teilen von drei defekten Waschmaschinen wird so eine funktionstüchtige gemacht, auf dieselbe Weise entstehen auch Elektroherde, Kühlschränke und Fernseher, die zwischen 20 und 50 Euro kosten. Für 200 Euro kann der Arge Trödlerladen eine Wohnung vollständig einrichten.
Zuletzt stieg das Geschäft mit dem Gebrauchten deutlich an: „Wir haben in den letzten zwei, drei Jahren in allen Bereichen - bei Mitarbeitern, Aufträgen und Umsatz - Zuwächse zwischen 15 und 20 Prozent erzielt. Heuer haben wir uns auf hohem Niveau und bei einer Steigerung von fünf bis sechs Prozent eingependelt", sagt Michael Mooslechner, der Geschäftsführer des Trödlerladens und Obmann der Arge für Obdachlose, die das seit 27 Jahren bestehende Sozialprojekt betreut. „Obwohl die Arbeitslosigkeit zurückgeht, sind jene, die bereits vor der Krise in prekären Verhältnissen gelebt haben, vom Aufschwung nicht wieder mitgenommen worden. Die Zahl der Menschen, die am Rand leben, steigt", meint Mooslechner.
Neues EU-Gebot. „Re-using", also die Wiederverwendung, soll aber bald breitere Käuferschichten erreichen: Ab 2011 müssen laut der neuen EU-Abfallrahmenrichtlinie alle Kommunen und die Abfallwirtschaft Weggeworfenes in Zukunft auf seine Nutzbarkeit für die Wiederverwendung hin überprüfen und sortieren. Die neue Kategorie in der bestehenden Abfallhierarchie, das Gebot zur „Vorbereitung zur Wiederverwendung", steht vor dem Recycling und soll dazu beitragen, Müll zu vermeiden und Ressourcen zu schonen.
Für Betriebe, die wie der Trödlerladen mit Entrümpelung und Reparaturen beschäftigt sind, könnte das Rückenwind bedeuten. Als „Good-Practice-Modell", in dem die neue Richtlinie bereits umgesetzt wurde, gelten die Re-Vital-Shops in Oberösterreich. Zusammen mit dem Landesabfallverband haben soziale Beschäftigungsunternehmen im ersten Jahr 157 Tonnen Elektrogeräte, Möbel, Sportutensilien und Freizeitgeräte sowie Hausrat - repariert und gesäubert mit vierwöchigem Umtauschrecht - in sechs Re-Vital-Shops verkauft.
Das Modell hat Zukunft, sagen Experten: „Jene Schicht, die aus zweiter Hand kauft, wird mit großer Sicherheit wachsen", glaubt Matthias Neitsch, Geschäftsführer der Plattform Repanet im Gespräch mit der „Presse am Sonntag". Repanet besteht seit zehn Jahren und vernetzt die Re-using-Branche vom Aluminiumschlosser bis zum Trachtenschmuckreparateur. Außerdem kümmert sich Repanet als Interessenvertretung um genehmigungsrechtliche Erleichterungen bei der Wiederverwendung dessen, was weggeworfen wurde: „Wenn man einen Fernseher, der einmal im Müll war, reparieren will, braucht man andere und mehr Genehmigungen, als wenn man einen Fernseher repariert, der in einem Geschäft zur Reparatur abgegeben wurde. Wir fordern eine Gleichstellung, es ist ja dieselbe Arbeit.
"Neitsch glaubt aber auch aus anderen Gründen daran, warum die Nachfrage nach Secondhand steigen wird. „Erstens werden die Rohstoffe für viele Konsumgüter knapper und damit teurer, zweitens beginnt sich ein Gegentrend zur Wegwerfgesellschaft zu entwickeln. Besser Verdienende und höher Gebildete kaufen schon jetzt aus zweiter Hand - aus Überzeugung oder weil es schick ist. Außerdem lassen sie zunehmend auch reparieren."
Tut gut - und tut Gutes. Eine von ihnen ist Gertraud Huber: Im Trödlerladen kennt man die pensionierte Personalentwicklerin als treue Stammkundin. Zuletzt habe sie einen altdeutschen Schreibtisch um 350 Euro gekauft, der von den Tischlern im Trödlerladen restauriert wurde: „Es ist nichts, was ich unbedingt brauche", sagt Huber. Aber sie liebe eben Ausgefallenes. Und außerdem habe sie das Gefühl, mit dem Kauf etwas Gutes zu tun.
Quelle:
Repanet und die Re-Vital-Shops sind weitere Einrichtungen in Oberösterreich, die kaputte Gegenstände reparieren und wiederverwerten.
Re-using (Wiederverwendung) wird durch eine neue EU-Richtlinie gefördert, die ab diesem Jahr die Prüfung von Weggeworfenem auf seine Nutzbarkeit vorschreibt.
Artikel verfasst: 19.01.2011, 22:20 Uhr
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